Meine Veröffentlichungen

Der Geräuschesammler, Zwielicht 23* (Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand), Mai 2026

Leseprobe

Das Windspiel schaukelte sacht. Die Silberstäbe klimperten leise gegen die Holzplatte in der Mitte. Für einen Moment konnte Mark kaum glauben, dass die Melodie nur vom Wind gezaubert wurde. Er lauschte und erinnerte sich. Seine Oma hatte früher ein ähnliches Windspiel an der Tür hängen. Wenn er an sie dachte, erinnerte er sich an Apfelkuchen, an Kaminfeuer und an dieses Windspiel, das feenhaft und so beruhigend klang. Ruhe, ja, danach sehnte er sich. 

Er setzte sich auf einen bunt karierten Terrassensessel. Er wollte hier warten, bis die Besitzerin des Hauses kam, mit direktem Blick auf das Windspiel. Es kam ihm noch in den Sinn, dass er auch einen Zettel schreiben und um Rückruf bitten könnte. Doch in diesem Augenblick fuhr schon der rostrote Oldtimer vor. Sein Motor stotterte sogar lauter als das Gewummer, das seit bald vier Tagen aus dem Haus seiner Nachbarn drang. Ein wenig zu schnell brauste er die kiesbedeckte Einfahrt hinauf und hielt dann abrupt auf Höhe des knorrigen Apfelbaumes, an dem schon seit Jahren keine Früchte mehr gewachsen waren. 

Rita Tun sprang vom Fahrersitz, wie üblich mit offen über ihren Rücken wallenden, völlig zerzausten Haaren, viel zu quirlig für Marks Geschmack und auf ihren hochhackigen Schuhen wie ein Zirkuspferd tänzelnd. Sie winkte ihm mit einem breiten Lächeln zu und er erhob sich aus dem Sessel. Er atmete tief durch und straffte seine Schultern. Er hasste Konfrontationen, aber das hier musste aufhören, sonst war er bald am Ende seiner Kräfte. 

„Hallo Mark!“, trällerte Frau Tun, während sie die drei Stufen der Veranda hinaufstöckelte. „Was für eine Überraschung!“ Mark nickte ihr unbehaglich zu und räusperte sich, verknotete seine Hände hinter seinem Rücken. 

„Guten Tag, Frau Tun“, grüßte er zurück und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. Er holte tief Luft, um direkt zur Sache zu kommen. Aber bevor er auch nur ein weiteres Wort herausbrachte, hatte sie schon einen gewaltigen, klimpernden Schlüsselbund aus ihrer Handtasche gefischt und mit einem „Komm doch rein, komm doch rein!“ die Tür aufgeschlossen. In ihrer Fröhlichkeit schien sie seine Reserviertheit gar nicht wahrzunehmen, und so seufzte er nur still vor sich hin und trottete ihr hinterher nach drinnen. Dort roch es genau wie Frau Tun selbst, nach Zimt und Ringelblumen; und ein bisschen nach schon sehr überreifem Obst. Mark folgte ihr durch einen Flur voll bunter Fotos von irgendwelchen fremden Menschen in ein geräumiges Wohnzimmer. Ein wenig überfordert ließ er sich in das weiche, hellgraue Sofa sinken, nickte immer wieder zu Frau Tuns Redestrom, lehnte mit einer leicht verzweifelten Handbewegung die Ingwerplätzchen ab, die sie ihm auf einem Tablett anbot und ließ den Blick über die recht bizarre Einrichtung schweifen. Nichts schien hier zusammenzupassen, es wirkte, als hätte ein Betrunkener ein Möbelhaus beklaut und seine Beute wahllos im Zimmer verteilt. 

„… aber natürlich haben sie es trotzdem bemerkt, und darum haben sie sie hochkant rausgeschmissen. Hätte ich ihr gleich sagen können. Tee?“ Mark wurde eine Tasse mit dampfender Flüssigkeit in die Hand gedrückt. Irritiert starrte er das Katzengesicht an, das darauf abgedruckt war, und fragte sich, von wem seine Nachbarin gerade sprach. „Hab die Kräuter selbst gesammelt“, meinte sie mit einem stolzen Lächeln und pustete in ihre eigene Tasse. Mark erwiderte das Lächeln steif und war froh über die Wärme an seinen Fingern. Er nahm einen winzigen Schluck und stellte überrascht fest, dass es wunderbar schmeckte. Es gelang ihm nicht, den Geschmack einzuordnen, aber es war köstlich. Schnell nahm er einen weiteren Schluck. Auch Frau Tun trank von dem Tee und für einen Augenblick herrschte Stille. Jetzt konnte Mark es wieder deutlich wahrnehmen. Es begann langsam, würde aber schon bald lauter und immer lauter werden. Dieses Wummern, dieses Dröhnen, das ihn Stück für Stück um den Verstand brachte und ihn dazu getrieben hatte, sie aufzusuchen, obwohl er sich in seinen eigenen vier Wänden so viel wohler fühlte als hier. 


Schnee, Zwielicht 20* (Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand), März 2024

Leseprobe

Nilda hasste Schnee. Sie spürte nicht vernünftig, auf welchem Untergrund sie stand, nicht einmal ihr Stock half ihr dabei. Sie nahm einfach keine Details durch die Schneedecke wahr. Asphalt, vielleicht? Pflastersteine? Die Kälte betäubte ihre Zehen, selbst die gefütterten Schuhe schützten sie nicht mehr. Sie trippelte Stück für Stück weiter, sorgsam darauf bedacht, nicht zu stolpern oder gar auszurutschen. Noch heute schmerzte bei jedem Schritt ihr Oberschenkel, den sie sich vor drei Jahren gebrochen hatte. So ein Erlebnis brauchte sie nie wieder. Nilda genügte schon das Stechen in der Brust, das sie zurzeit immer wieder hatte. Auch jetzt rieb sie sich über das Brustbein, bis der Schmerz verschwand.

Auch die Geräusche um sie her hörten sich bei Schnee anders an als gewohnt. Gedämpfter, wie in Watte gepackt. Es fiel so schwer, sich zu orientieren. Während sie lauschte, verstummten die letzten Laute um sie herum. Sonst umgab sie Motorengebrumm und das Geplauder der Menschen vor den Geschäften und Cafés. Nicht heute. Es war still. Nur eine einzelne Krähe krächzte ihr von einem Baum entgegen.

Ihre Hände krampften sich um den Stock, obwohl ihre arthritischen Gelenke protestierten. Angst stieg in ihr auf. Wo war diese Straße? Wieso kam sie nicht endlich an der Bordsteinkante an? Wenn sie doch nur jemanden um Hilfe bitten könnte!

Der eisige Wind fuhr unter ihren abgetragenen Wollmantel. Sie zog die Schultern nach oben. Der Stoff hielt sie nicht warm genug für dieses Wetter. Wenigstens Handschuhe und Schal hätte sie überwerfen sollen. Aber es war ja ein kurzer Weg, nur ein paar Schritte. Selbst sie sollte das schaffen, obwohl Rücken und Hüfte heute an einem neuen schmerzhaften Tiefpunkt angelangt waren. Sie kannte sich hier aus, das war ihr Weg. Dennoch irrte sie herum, ohne zu wissen, wo sie den Fehler begangen hatte.

Wieso hatte denn niemand den Weg geräumt? Manchmal schien die Welt zu vergessen, auf die Bedürfnisse der anderen zu achten. Der eiskalte Wind biss sich in ihrem Gesicht fest, sie kniff die nutzlosen Augen zusammen. Nilda blieb stehen. Ihre Haut spannte sich wie Glas über ihren Wangenknochen. Sie sollte zurückgehen. Sie würde morgen einkaufen. Heute Abend würde sie irgendetwas Essbares in ihrer Küche finden. Ja, ein paar Kartoffeln vielleicht. Weiter herumzuirren wäre verrückt.

Sie schlang die Arme enger um den Körper und drehte sich bedächtig um. Konzentriert führte sie den Stock über jede Unebenheit. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen. Sie runzelte die Stirn. Wenn man sie gefragt hätte, hätte sie behauptet, unter der Schneedecke läge ein unbefestigter Schotterweg.

Bloß gab es hier keine Schotterwege.

Vielleicht … war ein LKW hier entlanggefahren und hatte Ladung verloren. Das musste es sein.

Sie rückte ein Stück zur Seite, dorthin, wo der sichere Gehsteig sein musste. Sie stieß die Luft aus und erstarrte. Ihr Stock verfing sich in gefrorenem Gras; ungemäht und scharfkantig wand es sich darum. Sie riss ihn aus dem Griff der Pflanzen. Gras! Wo kam das denn her, mitten in der Stadt? Es wurde eng in ihrer Brust, das Atmen fiel so schwer.


Matriphagie, Zwielicht 19* (Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand), Oktober 2023

Leseprobe

Eine Spinne krabbelte über ihre Zehen. Es kitzelte. Sie schüttelte das Tier mit einer Fußbewegung ab und kümmerte sich nicht weiter darum. Sie saß auf ihrer Holzpritsche, den Rücken gegen die Kellerwand gelehnt, die Beine zum Schneidersitz überkreuzt. In ihren Händen hielt sie eine zerknitterte Zeitschrift. Das Licht, das durch die trübe Glasscheibe dort oben im Mauerwerk fiel, reichte gerade aus, um die Schrift zu erkennen.

Lautlos formte sie mit ihren Lippen die Buchstaben und mühte sich ab, diese zu Silben, zu einem Wort, zu einem Satz zusammenzusetzen. Sie runzelte die Stirn und hangelte sich von Zeile zu Zeile. Im letzten Tageslicht kämpfte sie mit einem unbekannten Wort. Mat-…, Matri-…, Matriphagie? Sie fuhr mit dem Zeigefinger die Buchstaben entlang und flüsterte das Wort mehrmals mit verschiedenen Betonungen vor sich hin, bis es ihr flüssig von den Lippen ging. Dann musterte sie das Foto, das eine Viertelseite des National Geographic-Artikels einnahm.

Eine haarige Spinne hockte dort in der Mitte, braun mit weißen Sprenkeln. Mehrere kleinere Spinnen krabbelten über sie hinweg, begruben sie unter sich mit ihren halb durchsichtigen Körpern. Die große Spinne ähnelte den Artgenossen, die das Zimmer mit ihr teilten. Sie wandte den Blick für einen Moment von der Zeitschrift ab, um sie zu beobachten, wie sie in nicht nachvollziehbaren Mustern von einer Mauerfuge zur nächsten wuselten. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie die Krabbler angsteinflößend und eklig gefunden hatte. Aber in der Zwischenzeit hatte sie viel über Angst und Ekel gelernt. Wenn sie so darüber nachdachte, waren die Spinnen die einzige Bewegung in der Starre des Zimmers.

Dieses Foto allerdings zeigte ihr Details, die ihr nie aufgefallen waren. Die Große hatte vier Augen! Wenn diese kleineren Flecken da auch welche wären, dann hätte sie ja mindestens acht … Wie praktisch! In alle Winkel gleichzeitig sehen zu können. Sich nie vor dem Schatten fürchten zu müssen, der kurz außerhalb des Sichtfeldes herum huschte.

Mit den beiden, die sie stattdessen hatte, schaute sie hinauf zu dem schwindenden Sonnenlicht, und dann zur Zimmerdecke. Nur ein Kabel ragte aus dem Beton. Sie drückte kurz den Rücken durch. Solange sie die Schrift noch erkennen konnte, wollte sie mehr über die Spinnen erfahren.

Stegodyphus lineatus, wieder so ein Zungenbrecher, der sie zehn Minuten kostete. Eine Spinne aus Israel, das konnte sie noch entziffern. Dann begannen ihre Augen zu schmerzen. Mit einem Seufzen schob sie die Zeitschrift unter die Matratze und vergewisserte sich, dass sie nicht mehr zu sehen war. Sie wollte sich nicht vorstellen, was er tun würde, wenn er herausfand, dass sie eines seiner Hefte gestohlen hatte.

Sie lehnte den Kopf nach hinten, bis er gegen die Wand stieß. Mit geschlossenen Augen flüsterte sie: „Matriphagie … Matriphagie … Matriphagie …“

Es hatte einen geheimnisvollen Klang, fand sie, wie ein Zauberspruch. Während sie das Wort in ihrem Gedächtnis auf die Suche nach seiner Bedeutung schickte, döste sie ein.


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